J Mascis über Verstärker, Platten und das neue Album von Dinosaur Jr.

Vor einem Interview mit J Mascis gibt das Label Journalisten einen Leitfaden an die Hand. Nicht, weil es Themen geben würde, die man nicht ansprechen sollte. Es handelt sich eher um einen Verhaltenskodex. Der zentrale Hinweis: „J braucht manchmal ein wenig Zeit zum Antworten. Manchmal neigen Journalisten dazu, die Stille überbrücken zu wollen, aber man muss ihm einfach etwas Zeit zum Nachdenken geben.“ Gesagt, getan – und siehe da: J Mascis, 60, kommt ins Reden. Spricht über seinen persönlichen Plattensortierer und seinen Gitarrenwart – und erklärt, warum Mark Lanegan einmal alle CDs der Replacements aus dem Fenster geschmissen hat. Das Treffen findet in Kreuzberg statt, es ist die Zeit der großen Juni-Hitze, Mascis trägt Jeans-Shorts, Käppi mit Monsterlogo und Radfahrerschuhe; seine Satteltasche lehnt im Büro des Labels Secretly Group in der Ecke.
J, du verbringst gerade viel Zeit in Berlin, hast hier mit deiner Frau, der Berlinerin Luisa Reichenheim, eine Wohnung. In Deutschland wird gerne über diese Stadt geschimpft, daher die Frage: Was ist das Beste an Berlin?
J Mascis: Dass Berlin eine Stadt ist. In Amerika lebe ich in Amherst, Massachusetts, das ist eher ein Fleck. Früher hatte ich ein Apartment in New York, um hin und wieder etwas City-Gefühl zu bekommen. Das habe ich nicht mehr, daher ist Berlin ein guter Ersatz. Ich mag es, wenn ich in Städten Leute um mich herum habe. Man geht auf die Straße und es ist immer etwas los. Ich habe herausgefunden, dass ich Menschen dann als nervig empfinde, wenn ich ihnen nicht persönlich begegne.
Du bist zumeist mit dem Fahrrad in Berlin unterwegs. Auch das empfinden viele als stressig, weil die Stadt offensichtlich für Autos konzipiert wurde.
Ich finde es nicht stressig. Ich genieße es, auf dem Rad zu sehen, wie die Dinge in Berlin funktionieren. Man erfährt viel über Städte, wenn man mit dem Rad in ihnen unterwegs ist. Viel mehr, als wenn man Auto fährt. Und auch mehr, als wenn man gehen würde: Man ist auf dem Rad schneller und sieht mehr. Radfahren gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Was ich ein bisschen schwierig finde, ist, dass die Leute – aus guten Gründen – ungern auf der Straße fahren und auf den Gehweg ausweichen. Das ist okay, wenn man vorsichtig fährt, aber die vielen E-Bikes finde ich beängstigend, auf denen die Leute den Bürgersteig entlangrasen, ohne zu wissen, wie man richtig fährt. Aber das ist nichts gegen einen Typen, der in meiner amerikanischen Heimatstadt Amherst unterwegs ist, auf so einem Segway-Ding, eine Metal-Gitarre spielend, mit Helm, sodass man sein Gesicht nicht sieht. So cruist er dahin.
Euer erstes Album, noch mit dem Bandnamen “Dinosaur”, erschien vor 41 Jahren. Woran erinnerst du dich, wenn du an die Aufnahmen zurückdenkst?
Daran, dass niemand Verständnis für uns hatte. Als wir die Songs aufnahmen, wussten die Leute im Studio gar nicht, was wir vorhatten. Und es war ihnen auch ziemlich egal. Auch der Toningenieur Chris Dixon war eher desinteressiert. Der hat immer so ein bisschen herumgemischt, fragte uns, wie wir das haben wollen, um dann zu sagen: „Das ist aber jetzt zu laut.“ Nicht missverstehen, Chris war ein netter Typ, und er hatte seine Verdienste, weil er mit seiner PA-Technik eigentlich alle Shows möglich machte, die damals in seiner Stadt stattfanden. Aber… er war halt nicht wie ich.
Du wusstest also, was ihr als Band wolltet?
Wir waren definitiv auf der Suche nach einem Sound. Jeder Song hatte einen anderen Stil, und wir haben versucht herauszufinden, wie wir klingen, um jedes dieser Stücke zu einem Dinosaur-Song zu machen. Wobei das Problem wohl auch war, dass ich damals dachte, dass ein guter Song mindestens 20 Teile haben müsse. Wir waren damals noch sehr viel mehr Progrock.
Für das neue Album “There Near” habt ihr eine Methode von Rick Rubin angewendet, der gesagt hat: „Erinnert euch an das erste Album, das ihr gemacht habt, um euch neu zu erfinden.“ Was ist das Geheimnis dieser Methode?
Es ist interessant, zu den Wurzeln zurückzukehren, schätze ich. In unserem Fall war die Wurzel ein Gitarrenverstärker, der bereits auf dem ersten Album zum Einsatz kam. Er gehörte nicht mir, sondern Chris Dixon. Ich habe im Laufe der Jahre mit vielen Verstärkern gespielt, darunter viele, die deutlich besser waren als der Amp von Chris. Aber irgendwann hatte ich sie alle satt. Ihr toller Sound begann mich zu langweilen, also dachte ich mir: Was, wenn ich noch einmal zum alten Sound zurückkehre? Ich glaube nicht, dass ich später jemals einen ähnlichen Sound hinbekommen habe, wie mit diesem Mesa Boogie MK 1.
Was ist das Besondere am Klang dieses Verstärkers?
Er basiert auf einem Fender, ist im Prinzip ein aufgemotzter Fender, hat aber einen volleren Klang als ein Fender. Besser kann ich’s nicht beschreiben.
„Ich genieße es, auf dem Rad zu sehen, wie die Dinge in Berlin funktionieren. Man erfährt viel über Städte, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.“
J Mascis
Klingt das Modell, das du dir geholt hast, so wie du den Verstärker in Erinnerung hattest?
Na ja, alle Verstärker altern anders. Weshalb sie auch alle ein bisschen anders klingen. Es ist schwer, Leute zu finden, die das in Ordnung bringen, damit die Amps den Sound haben, den ich will. Das genau abzustimmen, ist schwer. Ich habe es mit vielen Leuten erlebt, die können einen Verstärker zwar reparieren, aber sie hören nicht wirklich hin. Sie können den Sound nicht so abstimmen, dass er so gut klingt, wie er klingen könnte. Das ist eine eher seltene Fähigkeit. Wenn ich sichergehen will, dass es gut klingt, hole ich diesen Typen aus New York, der auch die Verstärker der Stones wartet.
Du hast den gleichen Gerätewart wie die Rolling Stones?
Ja, Matt Wells. Er ist jemand, der gut hinhört und versteht, wie es klingen könnte – und was man tun muss, damit es so klingt, wie es klingen sollte.
Könntest du selbst einen Amp einstellen oder reparieren?
Nein, ich kann gar nichts. Ich kann spielen und vielleicht noch eine Sicherung oder Röhre austauschen. Ah, was ich auch kann: Wenn ein Verstärker eine Schwachstelle hat, bin ich gut darin, den Amp dann in die Luft zu jagen. Wenn du also jemanden brauchst, der dir sagt, ob ein Verstärker tourtauglich ist oder nicht: Bringe ihn zu mir, wenn er mich überlebt, ist er fit für die Tour. Es gibt nicht viele Leute, die diese Fähigkeit mitbringen.
Wie läuft so ein Test ab?
Ich teste, ob er in einem sehr heißen Club auf Lautstärke 10 zwei Stunden lang durchhält. Ich quäle ihn – und schaue, ob er’s durchhält oder ob er durchbrennt.
Glaubst du, dass auch nur ein paar eurer Hörer erkennen, welcher Verstärker auf welcher Aufnahme zum Einsatz kam?
Nein, das ist meine Nische. Mein Gehör ist sehr geschult, was Verstärker und Sounds angeht. Mein Songwriting wird durch den Verstärker, den ich nutze, auch nicht beeinflusst. Die Melodie existiert lange, bevor ich ein neues Lied erstmals auf der Gitarre spiele. Erst die Melodie, dann der Schlagzeugbeat, als drittes die Akkorde. Das ist alles schon in meinem Kopf, bevor es losgeht.
Was ist deine Lieblingszeit, um kreativ zu arbeiten?
Wahrscheinlich zwischen 23 und 24 Uhr. Ich werde dann müde, denke ans Angeln oder darüber, im knöcheltiefen Wasser spazieren zu gehen. Darüber vergesse ich, dass ich gerade arbeite. Und dann entsteht manchmal etwas. Man muss Geduld haben. Wie beim Angeln.
“There Near” ist bereits das sechste Album, das du nach der Rückkehr der Originalbesetzung Mitte der 00er Jahre mit Lou Barlow am Bass und Murph am Schlagzeug aufgenommen hast. Was macht das Line-up aktuell so stabil wie nie zuvor?
Wir haben alle drei nichts anderes zu tun.
Da muss doch schon ein bisschen mehr sein.
Wir haben gemerkt, dass wir zusammen eine Art Energie entwickeln, die gut ist. Also machen wir weiter. Es ist Energie, keine Wut. Das war vielleicht früher anders.
Wie sehr hilft es, dass ihr alle drei weiterhin große Musikfans seid?
Das ist sicher wichtig, weil wir dadurch Musik ernst nehmen. Lou und ich mögen ähnliche Sachen, Murph tickt anders, er ist eher ein wilder Typ, versucht, mich von Frank Zappa zu überzeugen.
Ist es ihm gelungen?
Ich habe zumindest eine gewisse Wertschätzung für Zappas Werk entwickelt. Das Seltsamste an Murphs Musikgeschmack ist übrigens, dass er Fusion mag, aber keinen Jazz. Das ist wirklich seltsam, weil es bei den meisten genau andersherum ist: Man liebt Jazz – außer Fusion.
Fusion ist rhythmisch sehr präzise Musik.
Drummer-Musik, ja.
Auf “There Near” gibt es ein paar Songs, durch die der Geist der British Invasion weht, englische Beat-Musik aus den 60ern. Ich nehme an, das war keine bewusste Entscheidung, oder?
Nein, das passiert. Wobei ich tatsächlich häufig eine Platte gehört habe, die diesen Geist auch besitzt, “Rough Mix”, das gemeinsame Album von Pete Townshend von The Who und Ronnie Lane von den Small Faces. Ich hatte von dem Album gehört, weil der Produzent und Engineer Glyn Johns erzählte, dies sei unter allen Platten, an denen er gearbeitet hat, sein Lieblingsalbum.
Interessante Aussage für jemanden, der für die Rolling Stones, Led Zeppelin, die Beatles und Bob Dylan tätig war.
Ich hatte die LP sogar im Besitz, hatte sie mir aber nie wirklich angehört. Das habe ich dann nachgeholt. Wobei ich mir eine neue Ausgabe kaufte und mir erst beim Bezahlen auffiel: Die hast du doch schon! Ich habe sie dennoch gekauft, denn: Enttäusche nie einen Plattenhändler. Und: Besser eine Platte doppelt, als sie gar nicht mehr zu finden.
Ist dir das schon mal passiert?
Ja, ich hatte gerade erst eine bestimmte Platte gekauft, und der Typ, der meine Platten sortiert…
…Moment, du hast jemanden, der für dich deine Platten sortiert?
Ja, ich bin viel unterwegs, bekomme und kaufe viel, jemand muss das für mich übernehmen. Er ist ein Profi, hat früher in einem Plattenladen gearbeitet. Na ja, als ich mir besagte Platte einen Monat später anhören wollte, fand ich sie nicht. Er kam vorbei, konnte sie aber auch nicht finden. Also habe ich mir noch ein Exemplar gekauft, wobei ich davon ausgehe, dass ich sie wiederfinden werde. Sie ist bestimmt irgendwo zwischengerutscht, vielleicht steckt sie in einem Gatefold-Cover. Meinen Sortierer macht die Sache nervöser als mich, er sagt mir immer: „Ja, du besitzt sie – aber du hast sie nicht.“ Um ihn zu beruhigen, habe ich sie mir nochmal gekauft. Ist ja kein Beinbruch, wenn es sich nicht gerade um eine sündhaft teure Platte handelt.
Kennst du nicht das Gefühl, dass eine bestimmte Platte aus deinem Besitz wegen ihres ideellen Wertes nicht zu ersetzen ist?
Nicht unbedingt, nein. Die Musik ist wichtiger als das Material.
Du bist morgen Abend hier in Kreuzberg eine Nacht lang DJ in einer Bar, nennst dich dabei DJ Metabolically Deranged – DJ Stoffwechselgestört. Wie legst du auf?
Ausschließlich mit Singles. Ich habe eine Kiste aus Amerika mit nach Berlin gebracht, da sind rund 50 Platten drin. Die Auswahl ist also limitiert, der Abend vorprogrammiert.
Deine Frau ist auch mit dabei. Wie unterscheidet sich euer Musikgeschmack?
Wir mögen ähnliche Sachen, aber sie mag die Sachen anders als ich.
Wie meinst du das?
Sie hat Sachen schneller satt. Ich habe bei Spotify nur eine einzige Playlist, die ich einfach immer weiter ergänze, das ist mittlerweile eine riesige Liste. Die alten Sachen auf der Liste, die meine Frau zunächst auch mochte, kann sie längst nicht mehr hören. Wenn sie dabei ist, hören wir immer nur den unteren Teil der Playlist mit den gerade ergänzten Songs.
Auf welche Band könnt ihr euch dennoch immer einigen?
Auf die Wipers.
Für fast alle Indierock-Bands sind die Wipers große Vorbilder. Greg Sage, Chef der Band, scheint untergetaucht zu sein.
Auch er wird alt geworden sein. Aber ich habe nicht gehört, dass es ihm schlecht gehen würde. Ich habe ihn einmal getroffen, rund ums Jahr 2000. Er lebt in Arizona, ist sehr zurückgezogen und nicht sonderlich daran interessiert, dass sich das ändert. Es gibt übrigens eine Band, bei der meine Frau und ich uns gar nicht einig sind: The Replacements. Meine Frau mag die gar nicht, ich würde sogar sagen, dass die Replacements generell nicht von Frauen gemocht werden. Ich glaube, die Texte sind zu weich. Weich im Sinne von: jämmerlich weich. Nach dem Motto: Meine Probleme sind immer größer als deine Probleme. Das fällt vielen gehörig auf die Nerven. Ich erinnere mich an eine Aktion von Mark Lanegan, er kaufte sich alle CDs der Replacements, weil er schauen wollte, ob sie ihm nicht doch gefallen. Er hörte, stellte fest, dass er sie alle hasst, und warf sie dann aus dem Fenster. Würde ich nicht machen, dennoch: starke Aktion.
Family Affairs
Philipp Reichenheim, Bruder von J Mascis’ Frau Luisa, ist unter dem Namen Philipp Virus als Filmemacher tätig. 2021 drehte er mit “Freakscene: The Story Of Dinosaur Jr.” eine entsprechend persönliche Dokumentation über die Band seines Schwagers. Zu sehen ist der Film bei allen gängigen Streamingportalen.
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